| Das Cafe | |
| ® Carsten Schütz | |
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Da saß er nun in dem kleinen Kaffee, in dem sie immer zusammen gewesen waren, als sie noch an seiner Seite gewesen war.
Er blickte sich um. Dort vorne saß wie immer das alte Ehepaar, das jeden Samstag morgen zur gleichen Zeit wie er hier saß und ebenfalls sein Frühstück einnahm. Vielleicht waren auch sie der Meinung, dass man nirgends so gut und preisgünstig frühstücken konnte und kamen deshalb immer wieder hier hin. Die Frau blickte zu ihm herüber, zunächst ein wenig verwirrt, und nickte ihm dann zu, lächelte sanft, und er erwiderte den Gruss. Er hatte es in ihren Augen lesen können, die Frage: `Wo ist wohl seine nette Frau, mit der er sonst immer hier sitzt.` Ja, das waren bestimmt ihre Gedanken gewesen. Nun konnte er sehen, dass sie ihrem Mann etwas sagte, der sich nun umblickte und ihn ebenfalls grüßte, ebenfalls jedoch ein wenig überrascht, erstaunt drein blickte. Er bestellte einen weiteren Kaffee, während die Bedienung das Geschirr von seinem Tisch abräumte und ihn ebenfalls mit diesem `Ich-frage-mich-wo-seine-Frau-ist-Blick` ansah. Wahrscheinlich würde auch die Bedienung nun gleich zu ihrer Kollegin gehen und auch sie würden die Köpfe zusammen stecken und tuscheln, und auch die Kollegin würde dann aufblicken, erstaunt zu ihm hinüber sehen und ihn grüßen, denn schliesslich mußte sie irgend etwas tun, wenn sie schon herüber blickte und ihn ansah. Die Bedienung kam zurück und stellte die Kaffeetasse vor ihm ab. Wie immer war er schwarz und stark. Seine Frau hatte immer Milch genommen und hin und wieder etwas Zucker, wenn er ihr all zu stark geraten war. Er trank ihn immer schwarz. Er nahm seine Zeitung, die er mitgebracht hatte, zur Hand. Dies war etwas wie eine Premiere. Niemals hatte er gelesen, wenn seine Frau bei ihm war, denn sie hätte sich sicher beschwert, wenn er den Kopf hinter der Zeitung vergraben hätte, statt sich mit ihr zu unterhalten. Sie hatten ohnehin viel zu wenig Gelegenheit gehabt, sich zu unterhalten, da sie beide unter der Woche lange gearbeitet hatten. Nun konnte er Zeitung lesen, doch es erschien ihm nicht so, als sei diese neu gewonnene Möglichkeit ein besonderer Gewinn, ein Sieg, sondern eher ein Verlust. Er hatte die Unterhaltungen mit seiner Frau immer genossen. "Entschuldigen Sie", klang es plötzlich an sein Ohr. Er senkte die Zeitung und sah die alte Dame vor sich, die ihn eben noch vom Tisch aus gegrüßt hatte. "Ich möchte nicht neugierig erscheinen", begann er, während er bei sich dachte, dass wenn sie nicht neugierig erscheinen wollte, sie nicht vor ihm stünde, "aber ich habe mich gefragt, wo ihre Frau ist. Ich hoffe, es geht ihr gut." Er schluckte. Eigentlich hätte er es wissen müssen. "Es geht ihr gut", sagte er knapp. "Sie ist auf Geschäftsreise und wird wohl eine Weile weg sein." Die Dame lächelte. "Dann bin ich beruhigt", sagte sie mit einem kleinen Seufzer. "Bitte, grüßen Sie sie doch von mir, wenn Sie sie sehen." Und mit diesen Worten ging sie wieder zu ihrem Tisch zurück. Er faltete seine Zeitung zusammen, legte das Geld auf den Tisch, stand wortlos auf und verließ das Cafe. In diesem Moment dachte er bei sich, dass es vielleicht besser wäre, nun nicht mehr an den Samstagen hier her zu kommen. Dies würde ihn nur immer wieder in solche Situationen bringen. Seine Frau würde er aber dennoch von der alten Dame grüßen - heute nachmittag, wenn er wieder an ihrem Grab stehen würde. |